PISA-Folgen: Von der Tagesstätte zur Bildungsstätte

2. März 2002 | Von | Kategorie: Presseartikel

PISA-Folgen

Von der Tagesstätte zur Bildungsstätte?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert eine deutliche Verbesserung der Bildungsarbeit Kindertageseinrichtungen und hat als Diskussionsentwurf einen Rahmenplan frühkindliche Bildung vorge­legt. Begründung: „Aufgerüttelt durch PISA wird von der Politik zwar Manches in Gang gesetzt, was die Bildungsqualität verbes­sern soll. Dies bleibt jedoch Stückwerk, wenn es nicht ge­lingt, ein umfassendes Ver­ständnis von Bildungsprozessen für alle Kinder von klein auf zu entwickeln und die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.“
Dieser Entwurf wurde von der GEW-Bundesfachgruppe Sozialpädagogische Berufe gemein­sam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen frühe Kindheit und Grundschulpädagogik, mit Juristen sowie Vertreterinnen und Vertretern von Trägern erarbei­tet. Ziel ist es, die unterschiedli­chen Strömungen unter pädagogischen und gewerkschaftlichen Gesichtspunkten zusammen zu fassen. „Die Autorinnen und Autoren erheben keinesfalls den Anspruch, alle Gesichts­punkte vollständig erkannt und kommentiert zu haben oder umfassende Lösungsmöglich­keiten aufzuzeigen. Dies soll u.a. Aufgabe der „Nationalen Qualitätsinitiative“ sein. Der Rahmenplan ist als Broschüre erschienen, ergänzt um eine Vielzahl von Literaturhinweisen und weiteren Anregungen.“ (vgl:
http://www.gew.de/standpunkt/aschlagzeilen/kita)

Wie sieht demnach qualitative Bildungsarbeit in Kitas aus?

Seit einiger Zeit setzt sich die Einsicht durch, dass Kinder von Beginn ihrer Existenz an selbständig lernen. Sie eignen sich Schritt um Schritt die Welt an und erfahren, wie die Dinge um sie herum nach Regeln funktio­nieren, sich wiederholen und veränderbar sind. Das lernende Kind ist „Akteur seiner Selbst“. Dieses Leitbild betont einerseits die Subjektivität des Bildungs­prozesses, darf aber anderer­seits nicht in der Weise missver­standen werden, dass Kinder nicht der Anleitung bedürfen. Bildung entsteht zwar nirgendwo anders als im Menschen selbst, aber niemals allein. Erwachsene müssen Kindern den Zugang zur Welt ermöglichen. Ohne diese Wegweiser bleiben viele Wege unentdeckt oder enden in der Sackgasse.

Was soll gelernt / gelehrt werden?

Es kann nicht darum gehen, einen Katalog von Inhalten zu verordnen. Das Weltwissen der Kinder birgt so unermesslich viele Schätze und es kommen immer mehr hinzu. Wichtig ist allerdings, jedem Kind das Rüst­zeug für seinen Bildungsweg mitzugeben. Dazu gehören fol­gende Lernbereiche:

· Emotion, Identität und Le­benswelt.

· Bewegung, Ernährung und Gesundheit.

· Wahrnehmung, Abstrak­tion und Kom­munikation.

Die Inhalte müssen täglich neu gefüllt werden aus der intensi­ven Beobachtung der Lernprozesse und Interaktionen. Weil Kinder lernen sollen, selbst zu denken und man ihnen nicht vordenken kann, müssen die Gegenstände, an denen sie lernen sollen, so vorbereitet wer­den, dass Kinder mit ihnen ar­beiten können.

Kinder brauchen Freiräume, die sie selbst gestalten können. An einer Überdosis gut gemeinter pädagogischer Eingriffe hat schon manches Kind seine Lern­begeisterung verloren. Wenige haben entdecken können, was in ihnen steckt, wenn immer schon der pädagogische Zeige­finger auf sie wartet. Kinder können und wollen lernen. Auf dieser Motivation aufbauend müssen Kindertagesstätten in der Lage sein, Kinder auf den Weg ihrer Bildung zu bringen.

Wie sollten die Rahmenbe­dingungen aussehen?

Die Qualität der Arbeit ist nicht nur abhängig vom inhaltlichen und methodischen Konzept, sondern vor allem auch von Strukturen und Rahmenbedin­gungen.
Um den Bildungs- und Erzie­hungsauftrag zu erfüllen, ist ein Personalschlüssel von zwei aus­gebildeten sozialpädagogischen Fachkräften für 15 Kinder erfor­derlich. 30 Prozent der Arbeits­zeit sind für Vor- und Nachbe­reitung, Elterngespräche, Teamkoordination und Fortbildung einzuplanen. Der Bereich der Tageseinrichtungen für Kinder braucht eine deutlich verbesserte Finanzausstattung. Kin­dertagesstätten sind nicht die „armen Verwandten“ des Bil­dungswesens, sondern die Bank, von der man, wenn man früh genug einzahlt, später eine Menge Nutzen herausholen kann. Die Schlüsselfrage in der Entwicklung von Tages- zu Bil­dungseinrichtungen ist die nach der Qualifikation des Personals. Wer ernsthaft vor hat, die Bil­dungspotenziale kleiner Kinder systematisch zu entfalten, kann dies nicht mit einem Personal, dem die wissenschaftliche Ausbildung fehlt. Qualitätsentwicklung geht nicht durch Anord­nung von oben. Ohne Einbezug der Erzieherinnen und Erzieher sowie der Eltern wird es keine qualitativen Veränderungen geben.

(GEW-Vorsitzender Bernhard Eibeck, Referent für Jugendhilfe und Sozialpädagogik beim GEW-Hauptvorstand – Gefunden im Internet unter:

http://www.gew.de/standpunkt/aschlagzeilen/kita)

 

Pressereaktion auf den als Diskussionsentwurf vorge­legten „Rahmenplan früh­kindliche Bildung“

Beate Meichsner schreibt in der Süddeutsche Zeitung vom 26.11.2002: „…Das GEW-Papier gibt vor allem Richtungen und Anregungen vor, zum Beispiel wie Kinder etwas über Ernäh­rung lernen können oder die Führung eines individuellen Bildungsbuches, das regelmä­ßig mit den Eltern besprochen wird. Solange aber die Qualität eines Kindergartenplatzes von der Finanzkraft der Kommune abhängt, besteht die Gefahr, dass selbst durchdachte Bil­dungspläne Lippenbekenntnisse bleiben, sagt Inge Pape, Chefre­dakteurin der Fachzeitschrift Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Aber wenn man solche Pläne erstellt, dann muss man Pape zufolge vor allem auch mit und nicht nur über Erzieherinnen reden – schon deshalb sei der GEW-Entwurf positiv zu bewer­ten. Gerade bei der Arbeit mit kleinen Kindern können wir es uns nicht leisten, das grandiose Potential noch länger zu verschwenden, weil die notwendigen Rahmenbedingungen fehlen und die ErzieherInnenausbildung in Deutschland im europäischen Kontext auf einem niedrigen Niveau angesiedelt ist. Das GEW-Papier will nicht mehr sein als ein Entwurf, in dem wesent­liche Leitsätze, Elemente und Folgerungen beschrieben sind. Allerdings mit dem hoch gesteckten Ziel, einen nationalen, trägerübergreifenden Rahmenplan zu verabreden, der Betreuung, Erziehung und Bil­dung auf hohem Niveau verbindlich garantiert. Zumindest scheint es der GEW gelungen zu sein, den aktuellen Stand der pädagogischen Diskussion auf­zugreifen und wiederzugeben, urteilt Hans Rudolf Leu, Leiter der Fachabteilung Kinder und Kinderbetreuung des Deutschen Jugendinstituts in München, auch wenn das Papier in einigen Punkten, etwa den Aussagen zu den Bildungsinhalten aus seiner Sicht zu vage bleibt. Pape fehlt in dem Entwurf vor allem eine stärkere Betonung der ästhetischen Erziehung. Schließlich lernten Kinder über Sinneserfahrungen, sie begreifen buchstäblich mit den Händen. Im ganzen könne man jedoch froh sein um diesen ernsthaften Dis­kussionsbeitrag, dessen Blick auf Bildung auf der Höhe der Zeit sei und der vielfach an den seit Mitte der 90er Jahre in Schweden geltenden Rahmenplan er­innert, betont Leu. Allerdings leiste man sich dort auch den „Luxus“ des Betreuungsverhältnisses von einem Erzieher für sieben und nicht wie bei uns für gut 16 Kinder.

Gerade die schwedischen Erzieher hätten insgesamt positive Erfahrungen mit dem dortigen Rahmenplan gemacht, bestätigt auch Donata Elschenbroich, Autorin des Buches Weltwissen für Siebenjährige. Bei den Dreh­arbeiten zu ihrem neuesten Film Erzieherportraits: Schweden – USA – Italien sei immer wieder von schwedischer Seite betont worden, dass der Rahmenplan genügend Gestaltungsmöglichkeiten für die einzelnen Erzieher lasse. Und genau dies scheint auch der GEW gelungen zu sein, der es eben nicht darum geht, einen Katalog von dezidierten Inhalten zu vermitteln. Denn Kinder sollen lernen, selbst zu denken. Und weil man ihnen nicht vordenken kann, müssen zwar die Gegenstände, an denen sie lernen sollen und ja auch wollen, vorbereitet werden. Doch sie brauchen auch Freiräume, die sie selbst gestalten können – eine Überdosis pädagogischer Eingriffe und Vorgaben kann da eher behindern als fördern. Einen nationalen Bildungsplan jedenfalls, der sich zu einem Curriculum mit detailliert vorgeschriebenen Lerninhalten für Kindergärten entwickle, lehnen Fachleute wie Elschenbroich, Leu oder Pape einmütig ab. Die Gretchenfrage, die sich jedoch stellt, wenn Ta­gesstätten zu Bildungsstätten werden sollen, ist und bleibt die Frage nach der Qualifikation des Personals und der Finanzierung. Wer ernsthaft vor hat, die Bil­dungspotenziale kleiner Kinder systematisch zu entfalten, sollte dies mit Fachkräften tun, die ein neues Berufsbild und Selbstver­ständnis haben, das auf einer wissenschaftlichen Ausbildung basiert, heißt es bei der GEW.“

 

Und was noch?

In einem Positionspapier der rheinland-pfälzischen GEW-Landesfachgruppe Sozialpädagogische Berufe vom 8. Juni 2002 werden noch weitere Forderun­gen beschrieben:

· Freistellung oder teilweise Freistellung der Leiterinnen

· Flächendeckende Fachberatung

· Verbindliche Vorschriften für die Zusammenarbeit zwischen Kindertagesstätten und Grundschulen

Ist das nicht eine wunderbare, revolutionäre ErzieherInnen-Weihnachtswunschliste gerade in Zeiten leerer Kassen? PISA sei Dank!

Uschi Kölzer

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